Mein Kollege Mario schlug zu einem nicht weiter wichtigen Problem eine nicht ganz saubere, aber sicherlich funktionierende Lösung vor. Ich nannte ihn, halb bewundernd, milde tadelnd einen „Schlingelbücks“. Worauf sich eine gemeinsame Diskussion über Aussprache, Bedeutung, Verbreitung und etymologischer Verwandtschaft ergab. Schön, aber ziemlich sinnlos. Nach wenigen Minuten wussten wir immerhin, dass diese Zeichenfolge bei Google keinen Treffer ergibt. „Schlingelbücksigkeit“ auch nicht, und ein weiterer Kollege – ein gebürtiger Franke –  es nicht einmal flüssig aussprechen kann.

Daraus ergeben sich doch gleich zwei Folgefragen:

  1. Was nützt diese Information?
  2. Wie viel Aufwand (Arbeitszeit) sollte man darin investieren, noch mehr darüber heraus zu bekommen?

Beide Fragen sind nicht nur uns Analysten wohl bekannt. Jedoch sind die Antworten, je nach Charakter und Lebenssituation der Beteiligten, oft überraschend.

Wie sieht es in diesem Fall aus?

Wenn es in Google keinen Treffer gibt, könnte man ja gut eine Seite auf „Schlingelbücks“ optimieren. Zum einen hatte diese Idee aber schon ein anderer – und zum anderen würde es ihm nichts nützen. Denn wer sucht schon danach? Wir werden also auch noch das Suchvolumen generieren müssen. … hmm… jetzt wird es schon interessanter… Angenommen wir hätten eine Message, eine Überzeugung, die wir verbreiten wollen. Dann wäre es uns in erster Linie egal, wer das tut, und wie. Wir würden hoffen, dass Multiplikatoren die Botschaft aufgreifen und für uns verbreiten. Wenn es uns gelingt, ein bis dato noch nicht verwendetes Wort mit unserer Botschaft zu kombinieren, bräuchten wir nur noch dieses Wort zu verfolgen, um den Erfolg unserer Kampagne zu messen. Ich bin mir sicher, dass das Wort „Waldsterben“ mal für so eine Kampagne stand.

Andere Anwendung: Wenn ein Webanalyst seine Testdaten auf einem Live-System wiederfinden möchte, macht er zuerst eine seltene Suche und filtert dann auf die Session mit diesem Suchwort. Wenn er von außen einsteigen möchte, sucht er bei Google nach [Domain] OR [seltenes Wort] – dieser Schlingelbücks.

Wenn der Nutzen der Erkenntnis nicht so augenscheinlich ist, verbreitet man ihn doch mit einem monatlichen, internen „Newsletter der Erkenntnis“, vielleicht liest ihn ein kreativer Kollege und macht was draus. Jede Analyseabteilung sollte einen haben, also beides: Newsletter der Erkenntnis und kreative Kollegen – genau für diese Verwendung.

Und wann ist etwas „aus-analysiert“?

Angenommen ein Versandhändler stellt seinen halbjährlich erscheinenden Papierkatalog als Animation zum Blättern online.

Gefragt ist der verursachte Erfolg.

Der Katalog wird nicht direkt gemessen, die Serverlogs geben aber einen groben Hinweis: monatlich rund 200 Sessions.

Fertig?

Das Webanalysetool des Online-Shops ermittelt rund 70-mal pro Monat einen Referrer aus dem Blätterkatalog.

Fertig – oder was ist die nächste Frage?

  • Wie viele Klicks sind denn monatlich vom Webshop zum Blätterkatalog?
  • Wie viele Sessions wurden folglich gewonnen oder verloren?

Das wird schnell ein Analyseaufwand von drei bis vier Stunden. Und die Folgefragen durch die Kollegen werden weitere Arbeitsstunden vernichten.

Hätte vielleicht schon die zweite Frage sein müssen: Was kostet der Blätterkatalog und welche CPO (costs per order) ergeben sich dann, wenn tatsächlich alle 1200 Sessions in der Lebenszeit eines Katalogs bestellen? Und falls die Konversionsrate geringer ist als 50%? –  Analyseaufwand hierfür 20 Minuten – So ein Schlingelbücks! ¹

Was lehrt uns das? Hin und wieder einen Schritt zurücktreten und einen Blick aufs große Ganze werfen, schließlich ist Analyse kein Selbstzweck.

Bis demnächst

Ihr heiko vosberg

¹ Auf besonderen Wunsch einzelner Lektoren doch noch ein Definitionsversuch:

Schlingelbücks (der): Zielgerichtet denkender Mensch mit wenig Respekt vor etablierten Regeln. Das ermöglicht ihm (oder auch ihr) wahlweise Wälder oder Bäume zu sehen ². Seine unorthodoxen Lösungen rufen ob der Effizienz Bewunderung, ob der Regelverstöße gelegentliche Proteste hervor. Insofern ist er die harmlosere Variante des Schlingels.

² Diese Fähigkeit bei Detailfragen das große Ziel im Auge zu behalten, ist in der Analyse sehr nützlich. Ein Hoch der Schlingelbücksichkeit!

2 thoughts on “Dieser Schlingelbücks

  • August 6, 2015 at 10:22 am
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    Moin meni lieber Heiko,
    kurzweiliger Beitrag und spannend wie doch unterschiedliche Altersklassen und Orte des Aufwachsens Einfluß auf Worte, Begriffe und Bezeichnungen haben. Ich kenn den Schlingelbüx wobei die das die Erweiterung des Schlingels in einer Buchse/Büx/Hose ist, ähnlich dem Bangbüx, aber der ist eben kein Schlingel sondern ein Angsthase 😉

    Aber ich sehe mit Freude Du bist weiterhin in Deinem Element 🙂

    In diesem Sinne, Du Schlingel, keep on rockin‘

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  • August 6, 2015 at 10:24 am
    Permalink

    Tolle Software, die mir nach dem Absenden sagt: Du schreibst die Kommentare zu schnell. Mach mal langsam. Schön wäre dabei auch noch die Zeit, die Anzahl der Testaturanschläge sowie die Anzahl Wörter und der Sinnhaftigkeit des Beitrages 😉

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